Engagement für die Gießereibranche – Dr. Wolfgang Lenz
18 Februar, 2026
Engagement für die Gießereibranche – Dr. Wolfgang Lenz
18 Februar, 2026
| Fraunhofer IGCV

Zwischen Campus, Baustellen und Gussgeschichte

Auf dem Fraunhofer-Campus in Garching entwickelt das IGCV Verfahren, Werkstoffe und Technologien, die die Gießereibranche unmittelbar verändern. Dr.-Ing. Steffen Klan erklärt, wie Forschung und industrielle Praxis hier zusammenlaufen, welche Rolle Nachwuchsarbeit und der VDG spielen – und warum Automatisierung, Datenanalyse und KI die kommenden Jahre prägen werden. Eine Reportage über einen Standort, der Zukunft konkret denkt.

Wer den Fraunhofer-Campus in Garching betritt, spürt die besondere Atmosphäre dieses technikgeprägten Ortes: Forschung, Produktion und Ingenieurskultur liegen eng beieinander. Der weitläufige Komplex grenzt direkt an die Technische Universität München (TUM), deren Gebäude wie eine eigene Stadtlandschaft wirken. Dazwischen Kräne, Fundamente und Rohbauten. Ein weiteres Fraunhofer-Gebäude wächst in die Höhe, und rundherum stehen noch freie Flächen bereit – ein Zeichen, dass hier auch in Zukunft gebaut werden wird.

Inmitten dieser Umgebung steht das Fraunhofer-Institut für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik (IGCV). Die große Glasfront gibt den Blick frei auf ein modernes Gebäude, dessen metallene Fassadenplatten monochrome Darstellungen historischer und moderner Gussteile zeigen. Der Eingangsbereich wirkt klar und fast steril. In Vitrinen liegen Bauteile aus den Forschungsarbeiten des Instituts: eine Aluminium-Bremsscheibe, die die Euro-7-Norm erfüllt, daneben die verkleinerte Bavaria-Statue, entstanden durch ein neuartiges Stapelgussverfahren. Was nach Besonderheiten aussieht, ist am IGCV längst Routine – Ausdruck eines Standorts, an dem Hightech und Gießereipraxis eng verknüpft sind.

| Forschung zwischen Grundlagen und Produktion

Die Arbeit am IGCV ist geprägt von der Verbindung zwischen universitärer Grundlagenforschung und industrieller Anwendung. „Unsere Kunden sind Gießereien, deren Zulieferbranche sowie der Maschinen- und Anlagenbau“, betont Dr.-Ing. Steffen Klan, Hauptabteilungsleitung Gießereitechnik sowie Abteilungsleiter Gießverfahren und Werkstoffe. Der Anspruch sei, Verfahren, Werkstoffe und Technologien so weiterzuentwickeln, dass sie in der industriellen Realität funktionieren – nicht nur im Labor.

Klan beschreibt das Institut als Schnittstelle: Universitäten wie die TUM stehen für wissenschaftliche Tiefe, das Fraunhofer für praxisnahe Umsetzung. „Wenn wir einen guten Mix realisieren, hat man gute Möglichkeiten Forschungsergebnisse in die Praxis zu überführen.“ Diese Rolle ist in einer mittelständisch geprägten Branche zentral, in der viele Unternehmen keine eigene Forschung betreiben können.

Der Maschinenpark zeigt den praktischen Fokus deutlich. „Wir haben hier eine Ausstattung, mit der wir viel in Versuchen ausprobieren können“, betont Klan. Am Standort lassen sich beispielsweise bis zu 250 kg Eisen und 600 kg Aluminium schmelzen – die Robocast-Anlage ermöglicht zusätzlich neuartige Gießverfahren. Damit können Vorserien, Demonstratoren und komplette Prozessketten abgebildet werden – Größenordnungen, die in der Forschung selten, in der Gießereipraxis jedoch unverzichtbar sind.

Erst wenn Technologien in der Industrie umgesetzt werden, gilt die Arbeit als abgeschlossen. „Für uns ist es das Beste, wenn wir sehen, dass etwas umgesetzt wird. Das ist es, was uns antreibt.“

| Nachwuchs zwischen Praxis, Motivation und Realität

Der akademische Nachwuchs ist ein Dauerthema der Branche. Das IGCV zeigt, wie stark Wahrnehmung und Realität auseinanderliegen. Nachwuchs ist vorhanden – aber nicht selbstverständlich. „Wir verstehen uns als Dienstleister, wenn die Industrie in gemeinsame Forschungsthemen investiert, können wir Personal aufbauen und ausbilden“, sagt Klan. „Fehlen diese Investitionen steht auch das IGCV vor Herausforderungen.“

Was Studierende ans Institut zieht, ist die Kombination aus Forschung und greifbarer Praxis. „Wir sind hier praxisnah unterwegs“, betont Klan. Maschinen bedienen, Versuchsstände aufbauen, Prozesse anpassen, Auswertungen vornehmen – genau diese Nähe zur realen Fertigung überzeugt viele, die sich nicht in rein theoretischer Arbeit sehen.

Die Nachwuchsgewinnung beginnt bewusst früh: über Hiwi-Stellen, Abschlussarbeiten, Gießereipraktika und Orientierungskurse der TUM. Gleichzeitig ist klar, dass vielen jungen Menschen die Bedeutung von Gussteilen nicht bewusst ist. Klan erlebt das regelmäßig. Seine Frage „Wer hat heute schon ein Gussteil bewusst wahrgenommen?“ bleibt meist unbeantwortet. Erst konkrete Beispiele – Fenstergriffe, Wasserhähne, Fahrwerke, Rolltreppen – öffnen den Blick.

Deshalb setzt das IGCV auf direkte Erlebnisse. Der „Tag mit der Maus“ (siehe VDG aktuell 2024, Seite 34 ff.) ist ein Beispiel: Kinder gießen kleine Plaketten, feilen ihre Gussteile und nehmen sie stolz mit nach Hause. „Die Kinder waren extrem stolz“, sagt Klan. Was wie eine pädagogische Ausnahme wirkt, erfüllt einen strategischen Zweck: Berührungspunkte schaffen, bevor sich Klischees festsetzen. Gleiches gilt für Tage der offenen Tür, Vorlesungen oder Gießereieinführungen für Studienanfänger.

Klan fasst es knapp zusammen: „Man muss Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Sonst wissen die Leute nicht, was Guss eigentlich bedeutet.“

| Ein Institut wächst

Der Gießereibereich des IGCV entstand 2016 – und damit buchstäblich aus dem Nichts. Während andere Abteilungen aus bestehenden Fraunhofer-Strukturen kamen, startete die Gießereitechnik in Garching mit wenigen Mitarbeitenden und Provisorien. Erst Schreibtischplätze am UTG, dann Übergangsräume in Garchinger Gewerbeeinheiten – ein organisches Wachstum, das eng an die wirtschaftliche Lage gekoppelt war.

„Der Gießereibereich ist bei null gestartet“, sagt Klan. 2017 war er selbst der dritte Mitarbeiter. Heute zählt der Bereich rund 18 wissenschaftliche Mitarbeiter. Der ursprüngliche Plan sieht 25 vor, doch wirtschaftliche Unsicherheiten – von Corona bis geopolitischen Krisen – bremsten die Entwicklung. „Uns kann es nur gut gehen, wenn die Industrie in Forschung investiert“, fasst Klan die Situation zusammen.

Trotz dieser Bedingungen hat sich der Standort stabil entwickelt. Die technische Ausstattung, die Nähe zur TUM und die Einbettung in das Fraunhofer-Netzwerk geben dem IGCV eine Position, die sich im deutschen Forschungssystem klar abhebt. Gleichzeitig zeigt sich, dass klassische Produktionstechnologien politisch weniger im Fokus stehen als neue Hightechfelder. „Mit dem, was Deutschland einst groß gemacht hat, ist man jetzt ins Hintertreffen geraten“, sagt Klan mit Blick auf die Förderpolitik. Forschung bleibe jedoch nur dann wirksam, wenn Industriepartner bereit sind, zu investieren.

| Identität: Praxisnähe, Prozessketten und Fraunhofer-Diversität

Die Stärke des IGCV liegt in seiner Prozessnähe. Der Maschinenpark ermöglicht reale Gießprozesse in industriellen Größen. Additive Verfahren, Robocast oder Schlickerdruck, klassischer Eisen- und Aluminiumguss, Entwicklungen im Verbundguss oder in der Topologieoptimierung – all diese Themen bilden eine technische Breite, die wenige Institute abdecken.

Hinzu kommt die enge Zusammenarbeit mit Fraunhofer-Abteilungen in Augsburg, die Expertise für Digitalisierung, Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Nachhaltigkeit einbringen. „Wir in Garching sprechen die Gießereisprache, in Augsburg spricht man die Automatisierungs- und Digitalisierungssprache“, erklärt Klan. Diese Übersetzungsleistung ist ein Markenzeichen des IGCV: Technologien verschiedener Bereiche werden systematisch zusammengeführt.

| Ein Netzwerk mit Geschichte: Die Rolle des VDG in Bayern

Neben seiner Aufgabe am IGCV prägt Klan als Vorsitzender der VDG-Landesgruppe Bayern ein weiteres wichtiges Element der Branche: das fachliche Netzwerk. Die Landesgruppe zählt zu den aktivsten im Verein. Klan betont, dass ein Verein nur so stark ist wie seine Mitglieder: „Ich bin auch über alle Mitglieder dankbar, die nur den Vereinsbeitrag zahlen, aber wir wollen ja auch Angebote bieten, die genutzt werden, wir wollen die Leute zusammenbringen.“

Gießertreffen, Firmenbesichtigungen, die Barbaratagung – diese Formate schaffen Austausch zwischen Forschung, Industrie und Nachwuchs. Studierende, Ingenieure, Facharbeiter und Rentner stehen hier gemeinsam im Betrieb oder im Hörsaal. Klan sieht darin einen funktionierenden Generationenvertrag. Er selbst wurde während seines Studiums an der TU Bergakademie Freiberg durch VDG-Exkursionen früh mit der Praxis vertraut gemacht – ein Erlebnis, das ihn seit 25 Jahren im Verein hält.

| Generationen verbinden

Die Landesgruppe Bayern setzt gezielt auf Formate, die Austausch ermöglichen. Zu den Firmenbesichtigungen gehören stets Fachvorträge, und auf der Barbaratagung präsentieren neben UTG und IGCV auch Hochschulstandorte aus Kempten oder Aalen aktuelle Forschungsergebnisse. Start-ups erhalten eine Bühne, um neue Technologien vorzustellen.

„Unser Engagement steht und fällt mit denen, die es wahrnehmen“, bringt es Klan auf den Punkt. Ebenso wichtig seien die Unternehmen, die ihre Türen öffnen und Personal für Führungen bereitstellen. Der VDG schafft damit eine Struktur, die in der Gießereibranche zunehmend fehlt: regelmäßige Begegnung jenseits von Produktionsdruck und Tagesgeschäft.

| Blick nach vorn

Für die kommenden Jahre erwartet Klan umfassende Veränderungen. Automatisierung, Digitalisierung und KI werden zentrale Rollen einnehmen – nicht als abstrakte Trendbegriffe, sondern als Werkzeuge zur Sicherung industrieller Wettbewerbsfähigkeit. „Letztendlich geht es um Kosten“, sagt Klan. Die Branche müsse Prozesse automatisieren, Energie effizienter nutzen und Daten systematisch auswerten, um Ausschuss und Durchlaufzeiten zu verbessern.

Damit einher geht ein verändertes Kompetenzprofil. Robotik, Sensorik, Datenanalyse und KI-Training werden Berufe prägen, die bislang von handwerklicher Tätigkeit bestimmt waren. Gießereispezifisches Wissen bleibt unverzichtbar, wird aber stärker mit IT- und Automatisierungskompetenz verzahnt sein. „Es wird für Gießereien wegweisend sein, solche Leute zu haben“, sagt Klan.

| Was die Branche braucht

Neben technischen Entwicklungen sieht Klan eine gesellschaftliche Aufgabe. Die Bevölkerung solle besser verstehen, wie elementar Gussteile für den Alltag und Produktion für Deutschland sind. Gießereien müssten offener werden, regelmäßige Tage der offenen Tür organisieren und zeigen, wie viel in attraktive Arbeitsplätze, Luftreinhaltung und moderne Anlagen investiert wird.

Für den VDG wünscht er sich mehr Nachwuchs und aktive Mitglieder, die das Netzwerk lebendig halten. Am IGCV sollen Wachstum, Technikausbau und anwendungsnahe Forschung weiter vorangetrieben werden. Entscheidend bleibt der Transfer: „Unser Anspruch ist, dass unsere Themen in der Industrie Anwendung finden. Es freut uns alle hier, wenn wir sehen, dass etwas umgesetzt wurde, an dem wir mitgearbeitet haben.“